Unser Klassenlehrer aus der Realschulzeit feierte seinen 80. Geburtstag im Advent. Eine kleine Abordnung der Klasse von damals war zum Geburtstag eingeladen. Oder hatten wir uns selbst eingeladen? Egal. Wir standen also gestriegelt und geschniegelt vor seiner Haustür, mit Blumenstrauß und Geschenk unter dem Arm, wurden hereingebeten und nahmen an der festlich geschmückten Kaffeetafel Platz.
Vor jedem Gedeck ein Schokoladenengel, selbst gebackener Kuchen ließ das Wasser im Mund zusammenlaufen und auch ein Stollen, mit Puderzucker verziert, stand auf dem Kaffeetisch.
Die Dame des Hauses fragte nach den Vorlieben, bediente, und auch unser Lehrer äußerte seinen Wunsch:
Gib mir bitte ein Stück von dem Osterlämmchen!
, sagte er und zeigte auf den Stollen.
Fröhliches Gekicher erheiterte die Runde: Wie passen denn Weihnachtsstollen und Osterlämmchen zusammen?
War unser geschätzter Lehrer von damals etwa alt und senil geworden?
Nun, der Christstollen, ursprünglich für die Fastenzeit vor Weihnachten gebacken, symbolisiert das Christuskind, in Windeln gewickelt, in der Futterkrippe.
Das Osterlämmchen, auch gebacken und mit Puderzucker bestreut, symbolisiert Christus und seinen Opfertod - wie ein Opferlamm - für uns Menschen.
Es ist Johannes der Täufer, der auf Christus zeigt, und sagt:
Siehe, das ist Gottes Lamm, das die Sünde der Welt trägt.
(Joh.1,29)
Künstlerisch dargestellt auf dem von Matthias Grünewald gemalten Isenheimer Altar, mit dem berühmten überlangen Zeigefinger des Täufers.
Christstollen und Osterlämmchen - zwei Symbole für dieselbe Person. Hatte unser Lehrer die beiden hohen Feste in seiner Aussage miteinander verknüpft? Offensichtlich!
BILD schreibt: Ohne Ostern wäre Weihnachten nur ein sentimentales Winterfest.
Ohne das Kreuz wäre das Christentum eine weichgewaschene Fühl-Dich-Wohl-Religion.
Am Kreuz verwandelt Jesus seinen Tod in den Akt der radikalen Vergebung:
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
(Lk.23,34)
Was für ein Gott, der, anstatt zu strafen, unsere Strafe auf sich nimmt und das Leben anbietet.
Ein solcher Gott ist pure Liebe.
Gelebter Glaube gibt Anteil an diesem stellvertretenden Tod und an die darin enthaltene Vergebung bzw. Versöhnung.
Die christliche Botschaft bündelt sich in der Taufe: Symbolisch stirbt der Täufling durch Untertauchen im Wasser und feiert im Auftauchen den Neubeginn seines Lebens.
Bei der Kindertaufe wird der Kopf mit Wasser benetzt.
Daher passt auch die Sitte mit den Ostereiern: das Ei symbolisiert Geburt und neues Leben.
Zurück zum Osterlämmchen: Das Kind in der Krippe, wird zum Lamm, das am Kreuz für uns stirbt. Aus Liebe. Dafür bin ich täglich dankbar.
Bleiben Sie gesund und behütet.
Pastor Burkhard Heupel
Emmaus-Gemeinde